Das Banquet Rousseau

(von John Malcolm Brinnin, in: Die dritte Rose. Gertrude Stein und ihre Welt, Frankfurt/M. 1991, 122-128)

Das banquet Rousseau, eines der bemerkenswertesten gesellschaftlichen Ereignisse des neuen Jahrhunderts, war weder eine Orgie noch eine Völlerei. Dieses farbige Ereignis inmitten einer revolutionären Kunstbewegung zu einem Zeitpunkt, da diese Bewegung ihre ersten Erfolge hatte, verdankt seinen Ruhm der Tatsache, daß Persönlichkeiten daran teilnahmen, die noch viele Generationen lang die Welt der Kunst aufs stärkste beeinflussen sollten. Viele Jahre später beschwor der französische Schriftsteller André Salmon das Fest in Picassos baufälligem Atelier im Bateau Lavoir wieder herauf: »Hier verdämmerten die Nächte der blauen Periode... Hier blühten die Tage der rosa Periode... Hier hielten die Demoiselles d'Avignon im Tanz inne, um sich nach den Gesetzen des Goldenen Schnitts und dem Geheimnis der vierten Dimension neu zu gruppieren... Hier verbrüderten sich die Poeten, die ernste Kritik für würdig befunden hatte, in die Schule der Rue de Ravignan aufgenommen zu werden... Hier in diesen schattendunklen Gängen wohnten die wahren Anbeter des Feuers... Hier entfaltete sich eines Abends im Jahre 1908 das Gepränge des ersten und letzten Banketts, das für den Maler Henri Rousseau, genannt der Zöllner, von seinen Bewunderern veranstaltet wurde...«

Rousseau, ein ungebildeter kleiner Mann, der keinerlei künstlerische Prätentionen, sondern nur den Glauben an sein eigenes angeborenes Talent hatte, war von Alfred Jarry entdeckt worden, als einige seiner Gemälde im Salon des Indépendants gehängt wurden. Jarry führte ihn in die bistro-Gesellschaft von Schriftstellern und Malern ein, die teils in Rousseau den lächerlichen Meister des style concierge sahen, teils großes Aufhebens von ihm machten als einem seltenen Vertreter kindlicher unverdorbener Schau. In den Augen von Guillaume Apollinaire war Rousseau »der sentimentale Herodes, der prächtige, kindliche alte Mann, den die Liebe zu den Außenbezirken des Intellektualismus geführt hat, wo die Engel kamen, um seinen Kummer zu lindern und um ihn daran zu hindern, das furchtbare Königreich zu betreten, dessen Zöllner er geworden; schließlich nahmen sie den alten Mann in ihren Kreis auf und statteten ihn mit schweren Flügeln aus.« Aber selbst Rousseaus Verteidiger waren sich nicht ganz einig über ihn; manchmal begönnerten sie seine Kauzereien, dann wieder hoben sie seine unschuldigen Schöpfungen in den Himmel. Sie fanden ihn ungeheuer rührend und amüsant als Mensch, was sie aber nicht daran hinderte, Schindluder mit ihm zu treiben. Ihr überschwengliches Lob für seine naiven Bilder war meist nichts anderes als ein weiterer Protest gegen die akademischen Banalitäten, die sie verabscheuten.

Leo Stein hielt sich für den eigentlichen Urheber jener Abendgesellschaft, die später von beinahe jedem der Anwesenden verdreht und zu einem epochalen Ereignis aufgebauscht wurde. Leo berichtet in diesem Zusammenhang, daß er gerade bei Picasso und Fernande zu Besuch gewesen sei, als Rousseau, den Geigenkasten in der Hand, im Atelier erschien. Seit seiner Pensionierung, nach einer fünfzehnjährigen Tätigkeit als kleiner Angestellter des Pariser Stadtzolls, hatte Rousseau such als Professor für »Sprachkunst, Musik, Malerei und Solfeggio« und insbesondere als Violinlehrer niedergelassen. Leo bat den kleinen alten Mann zu spielen, aber Rousseau sagte, er sei zu müde, um den Bogen zu heben; daraufhin lud Fernande ihn ein, bald zum Essen zu kommen und für sie, Picasso und ihre Freunde zu spielen. Man stellte eine Einladungsliste zusammen, am festgesetzten Abend fand sich jedoch eine Horde ungebetener Gäste ein und verdoppelte die Zahl, mit der Picasso gerechnet hatte.

Ehe sie die Butte hinauf zu Picassos Atelier zogen, versammelten sich geladene und ungeladene Gäste in Fauvet's Cafe zu einem gemeinsamen Apéritif. Als Alice und die Steins eintrafen, mußten sie sich durch eine dichte Menschenmenge drängen. Inmitten dieses Haufens vollführte eine große, schlanke Frau, die Malerin Marie Laurencin, bacchantische Verrenkungen zu der dröhnenden Musik eines Orchestrions. Mlle. Laurencins Herzensbeziehung zum Idol der Pariser Boheme, dem Dichter Guillaume Apollinaire, war erst vor kurzem unter Tränen und lautstarken Anschuldigungen von beiden Seiten abgebrochen worden. Da Apollinaire ebenfalls bei Picasso erwartet wurde, hatte es den Anschein, als wolle Marie sich für die Begegnung mit dem Exfreund nicht nur mit Wein stärken, sondern auch durch ihren Solotanz in eine Art von Selbsthypnose versetzen.

Mit Entsetzensschreien stürmte nun Fernande in das Café: Felix Potin, der Restaurateur, hatte versäumt, das bei ihm bestellte Essen zu schicken, und nun war sein Laden geschlossen. Alice, die große Übung in der Bewältigung häuslicher Krisen besaß, nahm die Sache sofort in die Hand. Die laut jammernde Fernande im Schlepptau, klapperte sie sämtliche Kolonialwarenhändler der Umgebung ab und besorgte ausreichenden Proviant für ein Ersatzmenu. Inzwischen waren die meisten Gäste den Hügel emporgestiegen. Die beiden Frauen folgten dem ungeordneten Haufen und holten bald Gertrude und Leo ein, die die verzweifelte Marie Laurencin daran zu hindern versuchten, sich den Berg hinunterrollen zu lassen. Marie, die sich weigerte, im Schrittempo zu gehen, tänzelte hügelaufwärts und begleitete sich dabei mit einem Lied. Fernande, wütend auf »Coco« (wie Marie genannt wurde), schubste Alice vor sich her. Kaum im Labyrinth des Bateau Lavoir angekommen, bereiteten die beiden in großen Töpfen Fernandes Spezialität, Reis à la Valenciennes, ein Gericht aus Huhn, Fisch, Hummer, Wurst, Pimiento, Reis, Artischocken und grünen Erbsen. Der Küche stand als Chef der Dichter Max Jacob vor, der ein Stockwerk unter Picasso wohnte. Max hatte sich mit ihm zerstritten und war nicht eingeladen worden. Desungeachtet hatte Fernande selbstherrlich entschieden, er habe sich »um den Reis und die Herrengarderobe« zu kümmern.

Inzwischen hatte sich oben die Gesellschaft um einen riesigen Tisch versammelt, den man eilig aufgeschlagen hatte. Am Kopfende hing eine riesige Leinwand, das Porträt der Mme. M., das Rousseau von seiner polnischen Geliebten, einer Lehrerin, gemalt hatte. Picasso hatte dieses Bild eines Tages im Laden des Trödlers Père Soulier in der Rue des Martyrs gesehen. Als er nach dem Preis fragte, sagte der Händler: »Fünf Francs. Sie können die Leinwand ja wieder verwenden!« Aus jener unwürdigen Umgebung errettet, prangte das Bild, das Picasso als »eines der aufschlußreichsten französischen psychologischen Porträts« bezeichnete, nun, mit Fähnchen und Blumen umrahmt, an der Wand des Ateliers. Statuetten, die man darum gruppiert hatte, gaben ihm noch einen Anstrich akademischer Würde. Als Rousseau, von Apollinaire geleitet, eintraf, herrschte einen Augenblick lang Stille. Alle Anwesenden waren gerührt von dem einfältigen Lächeln und der Freude des alten Mannes, der umständlich seinen Ehrenplatz, einen Sessel auf einer Kiste, einnahm. Darüber war ein Transparent mit der Aufschrift Honneur à Rousseau angebracht. Von seinem Karnevalsthron winkte Rousseau Picasso heran. »Schließlich«, flüsterte er ihm ins Ohr, »sind wir beide große Maler; ich im modernen Stil und Sie im ägyptischen Stil.«

Obwohl man im benachbarten Café Azon Unmengen von Geschirr für dieses Bankett ausgeliehen hatte, reichten die Gläser nicht für alle, und so mußte der Wein in alte Senftöpfe gegossen werden. Nachdem alle Platz genommen hatten, wurde Fernandes Spezialgericht dampfend die Treppe heraufgetragen. Das Mahl hatte noch kaum begonnen, da machte sich ein Mißton in der festlichen Atmosphäre bemerkbar: Apollinaire hatte sich neben Marie gesetzt, die kurz zuvor in ein Tablett mit gezuckerten Törtchen gefallen war, das man vorübergehend auf einem Diwan abgestellt hatte. Sie zeigte noch deutlich die klebrigen Spuren ihres Unfalls, aber auch ein Dutzend anderer Leute, die sie inzwischen umarmt hatte, waren in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Tuchfühlung mit ihrem ehemaligen Liebhaber war mehr, als sie im Augenblick ertragen konnte, und dem ersten Bissen Reis à la Valenciennes folgte ein hysterischer Ausbruch. Apollinaire hob die schreiende und weinende Marie von ihrem Stuhl und schleppte sie in ein Nebenzimmer. Als sie kurz darauf wieder auftauchten, wirkte Marie etwas mitgenommen, aber merklich ernüchtert, und das Essen nahm einen friedlichen Verlauf. Nach dem Essen erschien Frédé, der Besitzer des berühmten Cafés Le Lapin Agile mit seinem Esel Lolo, um kurz guten Tag zu sagen, und wurde freudig begrüßt. Etlichen italienischen Straßensängern, die Einlaß heischten, warf Fernande jedoch die Tür vor der Nase zu. Die Tischmusik bestritt auch weiterhin der Maler Georges Braque auf seiner Zieharmonika.

Überwältigt von Gefühlen, Alter und Wein war Rousseau bereits zu Beginn der Mahlzeit eingeschlafen und konnte der Gesellschaft auch weiterhin seine Aufmerksamkeit nur hin und wieder schenken. Das Wachs, das von den Lampions heruntertropfte, fiel auf sein Haar und bildete eine Art Narrenkappe. Fernande meinte, er sähe aus wie eine Kerze, die noch nicht angezündet sei. Aber man war nun auf die angekündigten Lieder und Gedichte gespannt und kümmerte sich nicht darum, ob Rousseau selbst sie hören konnte oder nicht. Um dem Fest einen offiziellen Anstrich zu verleihen, wurde dem verschlafenen Rousseau ein würdevoller weißbärtiger Mann aus der Nachbarschaft, der alte Gemälde restaurierte, feierlich als Kultusminister vorgestellt. Anschließend trug Apollinaire, als Krönung des Abends, eine improvisierte Ode vor, die in Knüttelversen Episoden aus Rousseaus Geschichte, einschließlich seiner mexikanischen Abenteuer, berichtete. Rousseau war niemals in Mexiko gewesen, doch über derart belanglose Kleinigkeiten war Apollinaire erhaben. [...]

Rousseau lauschte in schläfriger Zufriedenheit, aber André Salmon erhob sich im Protest. Apollinaires Eloge, so erklärte er, werde der Bedeutung des Gefeierten nicht gerecht. Er sprang auf den Tisch und ließ eine Ruhmeslitanei vom Stapel, die ebenso bombastisch wie unsinnig war. Er verstieg sich zu immer lauteren und verwegeneren Lobsprüchen und brach plötzlich, wie vom delirium tremens befallen, zusammen. Mit Schaum vor dem Mund hob man ihn gewaltsam vom Tisch und schleppte ihn, der unentwegt weiterschrie, in das vordere Atelier, wo man ihn einsperrte. Später entdeckte man, daß er dort eine Streichholzschachtel zerkaut, Zeichenpapiere angefressen und auch ein Telegramm verspeist und schließlich sein Mahl damit gekrönt hatte, daß er, wie eine Ziege, den Putz von Alice Toklas' neuem Hut verschlang.

In die Versammlung war wieder Ruhe eingekehrt, als Marie Laurencin mit ihrer süßen Stimme traurige normannische Lieder zum Besten gab. Fernande Olivier zufolge sollen Alice, Leo und Gertrude während des ganzen Abends entsetzt dreingesehen und ohne Erfolg versucht haben, ihre angeborene Steifheit abzulegen, »wie Schiffbrüchige, die an eine barbarische Küste verschlagen worden sind«.

Hin und wieder wachte der kleine alte Rousseau auf, blinzelte verschlafen in die Runde der Feiernden, murmelte seinen Dank und fiel dann wieder in tiefen Schlaf. Einmal blieb er lange genug wach, um auf seiner Violine eigene kleine Kompositionen »Die Glücklichen« und einen Walzer mit dem Titel »Milde« zu spielen, und den Chor zu seinem Lieblingslied anzuführen: »Aie, aie, aie, que j'ai mal aux dents...« Dann erklärte jemand, nun wäre Alice an der Reihe, etwas zum Besten zu geben. Und weil sie doch aus dem berühmten Wilden Westen komme, müsse sie mit einem Indianersong aufwarten. Doch Alice wehrte ab, und irgendwann nach drei Uhr morgens, Rousseau und seine Violine waren bereits unter der Obhut eines alten Kutschers nach Hause spediert worden, löste sich die Versammlung auf. Als man in der Dunkelheit den langen Weg über den Hang hinunterstolperte, zerrissen die gellenden Schreie eines Wahnsinnigen die Luft: Der aus seinem Gefängnis befreite Salmon schoß wie ein Komet vorbei und verschwand in der Nacht.

   

In: John Malcolm Brinnin: Die dritte Rose. Gertrude Stein und ihre Welt, Frankfurt/M. 1991, 122-128 (= suhrkamp taschenbuch 1820)

   
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